Im Oberen Mittelrheintal mit seiner einzigartigen Kombination aus Natur und Kultur liegen 2000 Jahre Kulturgeschichte direkt vor der Haustür. „Hier gibt es so viel zu entdecken und aufzuarbeiten wie sonst kaum irgendwo“, schwärmt Matthias Schmandt, Museumsleiter des Historischen Museums am Strom in Bingen. Für den promovierten Historiker mit dem Spezialgebiet mittelalterliche Geschichte liegen die Themen im Welterbegebiet auf der Straße.
So zeigen beispielsweise die überregionale Währung „Rheingold“ oder die zahlreichen Märkte und Handelsplätze im Tal die Bedeutung der Region in der Zeit von 1100 bis 1500 n. Chr. „Es ist verrückt, wie häufig das Rheintal damals als zentrale Landschaft im Mittelpunkt europäischer Politik und Wirtschaft stand“, erzählt Dr. Schmandt. Mit dem „Rheingold“ etwa, dem Euro des Mittelalters, sei am Rhein Geldpolitik gemacht worden wie heute in Brüssel oder Straßburg.
„Viele wissen davon nichts mehr und es ist eine dankbare und wichtige Aufgabe derlei vergessene Themen in den Museen aufzubereiten und auf diese Weise wieder ins Bewusstsein zu bringen“, so der Museumsleiter.
Eine ganze Reihe „authentischer Museen“ wie die liebevoll eingerichteten Burgmuseen auf Rheinfels oder Rheinstein geben mittlerweile einen guten Überblick über das Leben im Mittelalter. Darüber hinaus gehörten Besonderheiten wie die Thonetsammlung im Stadtmuseum Boppard zu den musealen Kleinodien des Tals.
Auch jüngere kulturelle Initiativen wie die Ritterführung auf Festung Ehrenbreitstein in Koblenz oder das neue Kulturhaus der Stiftung Hütte in Oberwesel würden dazu beitragen, dass die Region und ihre Geschichte lebendig werden.
„Die Aufnahme des Oberen Mittelrheintals in die Liste der Welterbestätten hat für Aufbruchsstimmung im Tal gesorgt“, konstatiert Schmandt. „Die Leute sind stolz auf die Auszeichnung. Jetzt ist man anerkannt in aller Welt!“ Das könne die touristische Entwicklung, die in den vergangenen Jahren stagnierte, wieder beleben und die Region aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken.
Das Binger Museum will dazu nun gemeinsam mit dem Mittelrheinmuseum in Koblenz vor allem die übergreifende Information zum Welterbegebiet vorantreiben. „Mit einer gemeinsamen Ausstellung zum Thema Loreley nehmen wir das Tal von Koblenz und Bingen aus gleichsam in die Zange“, erläutert der Museumsleiter. Das Konzept sieht vor, dass sich die Besucher an den Ankerpunkten des Tals übergreifend und umfassend zu bestimmten Dingen informieren und mit diesem Wissen im Gepäck durch die Region reisen. Auf dem Weg kommen immer mehr Mosaiksteine dazu und vervollständigen am Schluss das Bild von einer faszinierenden Kulturlandschaft.
Bis zum heutigen Tag entdecke man in jedem Ort im Tal, durch den man fährt, etwas Bedeutsames, schwärmt der 35-Jährige, der sich sowohl als Wissenschaftler als auch als Privatmann und Familienmensch für die vielseitige Region begeistern kann. Sonst hätten nur Städte, die zehnmal so groß sind, solche Schätze wie die Liebfrauenkirche in Oberwesel oder den Markt in St. Goar zu bieten. „Hier kann man in einer Dichte und Qualität etwas erleben, was es sonst nirgendwo gibt in Europa“, fasst Schmandt zusammen und führt neben den Orten die „phänomenale Natur“, die kulturellen Wurzeln in vorrömischer Zeit und die Burgen, die in vielfältigen historischen Zusammenhängen stehen, als Beispiel an. Wen wundert es da, dass die Reise zum Rhein den Beginn des modernen Tourismus markiert? Die erste Ausgabe des Baedekers etwa sei nichts anderes als ein Rheinreiseführer gewesen.
„Vielleicht ist man heute durch die Vielfalt der medialen Eindrücke etwas abgestumpft“, sinniert Schmandt. Doch der berühmte Ausspruch des Rheintouristen Friedrich Wilhelm IV., preussischer Kronprinz und späterer König, er sei „matt vor Seligkeit bei all den göttlichen Burgen und Felsen und Bergen und Strömungen“, gelte heute noch.
Historisches Museum am Strom - Hildegard von Bingen
Matthias Schmandt
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