Germania | © Marlis Steinmetz

Welterbe Anerkennung

Anerkennungskriterien

Gemäß Artikel 11 Absatz 2 der Welterbekonvention muss eine Welterbestätte einen außergewöhnlichen universellen Wert (outstanding universal value bzw. kurz: OUV) haben. Der außergewöhnliche universelle Wert bezeichnet laut § 49 der Operativen Richtlinien „eine kulturelle und/oder natürliche Bedeutung, die so außergewöhnlich ist, dass sie die nationalen Grenzen durchdringt und sowohl für gegenwärtige als auch künftige Generationen der gesamten Menschheit von Bedeutung ist. […].“ Um von außergewöhnlichem universellen Wert zu sein, müssen die Welterbestätten mindestens eines von zehn Kriterien erfüllen, welche die UNESCO in ihren Durchführungsbestimmungen definiert. Das Obere Mittelrheintal erfüllt die Kriterien (ii), (iv) und (v). In der Niederschrift zur Anerkennung als Welterbe werden die Verkehrslandschaft, die geomorphologische Ausstattung und die von Menschenhand geschaffene Gestaltung der Landschaft als Gründe für die Entscheidung dargestellt und näher ausgeführt. 

Kriterium (ii): Als eine der wichtigsten Handelsrouten in Europa hat das Mittelrheintal seit zwei Jahrtausenden den kulturellen Austausch zwischen der Mittelmeerregion und dem Norden Europas ermöglicht. 

Kriterium (iv): Das Mittelrheintal ist eine außergewöhnliche, organisch gewachsene Kulturlandschaft, deren heutiges Bild bestimmt wird durch seine Geologie und geologische Erscheinung und durch die menschlichen Eingriffe, wie Siedlungen, Verkehrsinfrastruktur und Landnutzung, die die Landschaft während der letzten 2000 Jahre geformt haben.

Kriterium (v): Das Mittelrheintal ist ein herausragendes Beispiel für einen gewachsenen traditionellen Lebens- und Verkehrsstil in einem engen Flusstal. Das Terrassieren der steilen Hänge hat die Landschaft im Verlaufe der letzten zweitausend Jahre besonders geprägt. Allerdings ist diese Form der Landnutzung durch sozio-ökonomische Veränderungen der Gegenwart bedroht.“ Der außergewöhnliche universelle Wert der Kulturlandschaft des Oberen Mittelrheintals resultiert somit maßgeblich aus dem jahrhundertelangen engen Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur innerhalb der vorhandenen besonderen natürlichen Rahmenbedingungen. Aus diesen Wechselwirkungen haben sich die charakteristischen Merkmale des heutigen Landschaftsbildes der Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal entwickelt, die die Authentizität und visuelle Integrität der Welterbestätte Oberes Mittelrheintal bis heute prägen.

 

Außergewöhnlicher universeller Wert (OUV)

Die Erklärung zum außergewöhnlichen universellen Wert ist von zentraler Bedeutung für jede Welterbestätte und bildet die Grundlage für ein klares, gemeinsames Verständnis über die Attribute und Werte, die Zielstellung des Managementplans, die erforderlichen Maßnahmen zur Erhaltung des OUV sowie die Evaluierung im internationalen Kontext in Hinblick auch auf die Glaubwürdigkeit der Welterbeliste. Darüber hinaus fungiert sie als Referenzdokument zur Beurteilung von beabsichtigten Maßnahmen und Planungen, Berichten zum Erhaltungszustand sowie Grenz- und Namensänderungen. Somit ist die Erklärung zum außergewöhnlichen universellen Wert das Leitbild für Schutz, Pflege und Entwicklung einer Welterbestätte. 

 

In der Erklärung zum außergewöhnlichen universellen Wert (OUV) für das Welterbe Oberes Mittelrheintal heißt es (Auszug): „Die strategische Lage des dramatischen 65 km langen Abschnitts des Mittelrheintals zwischen Bingen, Rüdesheim und Koblenz als einer Transport- und Handelsarterie und der Wohlstand, den diese Rolle hervorbrachte, wird in den 60 kleinen Städten, den ausgedehnten Weinbergen und den Ruinen der Burgen, die einst den Handel sicherten, zum Ausdruck gebracht.“ (…) „Die Landschaft wird interpunktiert von etwa 40 Höhenburgen, die während der letzten 1000 Jahre errichtet wurden. Die Aufgabe dieser Burgen und später die Kriege des 17. Jahrhunderts haben viele von ihnen Ruinen werden lassen. Das spätere 18. Jahrhundert verzeichnete eine zunehmende Wertschätzung gegenüber der Schönheit der Landschaft, der oft dramatischen Topographie des Mittelrheintals und verbunden mit den vielen Burgruinen an herausgehobenen Stellen kam es dazu, dass es stark auf die Romantische Bewegung wirkte, die wiederum die Art und Weise der Wiederherstellung und Rekonstruktion von Gebäuden im 19. Jahrhundert beeinflusste. Der Rhein ist einer der großen Flüsse der Welt und hat viele wichtige Ereignisse in der Menschheitsgeschichte erlebt. Der Abschnitt des Mittelrheintals zwischen Bingen und Koblenz ist in vieler Hinsicht ein außergewöhnlicher Ausdruck dieser langen Geschichte. Es ist eine Kulturlandschaft, die vom Menschen über viele Jahrhunderte gestaltet wurde und in ihrer gegenwärtigen Form und Struktur auf die menschlichen Eingriffe zurückgeht, die wiederum bedingt waren durch die kulturelle und politische Entwicklung Europas. Darüber hinaus hat die geologische Entwicklung des Mittelrheintals dazu geführt, dass der Fluss eine Naturlandschaft von großer Schönheit geformt hat, die Künstler aller Art – Dichter, Maler und Komponisten – während der letzten zwei Jahrhunderte stark beeinflusst hat. (...) Der Rhein ist ein alter Transportweg Europas, der den Austausch zwischen der mediterranen Region und dem Norden gefördert hat. Das Mittelrheintal ist eine außergewöhnliche biologische und kulturelle Landschaft, die durch die geomorphologische und geologische Ausstattung und durch die menschlichen Einflüsse geformt ist. Dies sind z. B. die Terrassierung der Hänge und die Siedlungsstruktur. Das Tal zeigt Beispiele für eine sich weiterentwickelnde traditionelle Lebensweise und für Kommunikationsmittel in einem engen Flusstal auf. In diesem Zusammenhang spielt auch der assoziative Wert der Kulturlandschaft eine wichtige Rolle.


Integrität „Die ausgedehnte Welterbestätte beinhaltet in ihren Grenzen alle Hauptwerte – die geologische Landschaft, die sechzig Städte und Siedlungen, die 40 Schlösser und Burgen, die Weinbergsterrassen, die diesen reichen und malerischen Abschnitt des Rheintals ausmachen und umfasst alle Hauptansichten, die Schriftsteller und Künstler inspiriert haben.“ 

 

Authentizität „Dank des relativ geringen Spielraums, den die Naturlandschaft des Mittelrheintals der dort ansässigen Bevölkerung gegeben hat, hat sich dieser Abschnitt des Flusses weit weniger verändert als andere. Im Ergebnis, aber auch dank zahlreicher früher Initiativen zu Landschafts- und Denkmalschutz, hat sich die Landschaft weitgehend unberührt erhalten. Das hat dazu geführt, dass sich viele Merkmale und Elemente, die der Landschaft ihre Authentizität verleihen, erhalten haben. Allerdings tragen die Schienenstrecken, welche durch das Rheintal führen, zu einer Verlärmung des Rheintals bei. Diese Belastung muss gemildert werden.“