Geschichte der Stadt der Türme und des Weins: Oberwesel
Die Ursprünge Oberwesels reichen bis in die keltische Zeit zurück. Im Jahr 1216 erhielt Oberwesel die Stadtrechte und entwickelte sich in der Folge zu einem bedeutenden Handels- und Weinbauzentrum. Die strategisch günstige Lage direkt am Rhein sowie der florierende Weinbau begründeten über Jahrhunderte den Wohlstand der Stadt und machten sie zu einem wichtigen Mitglied des mittelalterlichen Rheinbundes. Zeugnis dieser Blütezeit legen bis heute die beeindruckenden Baudenkmäler ab: die begehbare Stadtmauer mit 16 gut erhaltenen Türmen, die gotische Liebfrauenkirche, die Martinskirche sowie zahlreiche Fachwerkhäuser und historische Kelleranlagen.
Hoch über der Stadt thront die Schönburg, einst Sitz einflussreicher Adelsgeschlechter. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg stark zerstört, wurde sie im 19. Jahrhundert im Zuge der Rheinromantik teilweise wiederaufgebaut und prägt seither als weithin sichtbares Wahrzeichen die Stadtsilhouette.
Neben ihrem mittelalterlichen Erbe versteht es die Stadt, historisches mit zeitgenössischen Akzenten zu verbinden. So steht das Kulturhaus Oberwesel exemplarisch für diese Synthese: Moderne Architektur trifft hier auf die Atmosphäre eines alten Weingutes und bietet Bürger*innen und Besuchenden einen Ort für Ausstellungen, Konzerte und kulturellen Austausch. Geschichte wird in Oberwesel somit nicht nur bewahrt, sondern aktiv in die Gegenwart übertragen. Der Träger des Kulturhauses, die Kulturstiftung Hütte Oberwesel, ist Projektpartner und Flächeneigentümer des Klostergartens mit Minoritenkloster.
Bis heute bildet der Weinbau eine zentrale wirtschaftliche und kulturelle Grundlage der Region. Die steilen Weinlagen entlang des Rheins zählen zu den renommiertesten Riesling-Lagen Deutschlands und prägen Landschaft wie Lebensart gleichermaßen.
Oberwesel bietet mit seiner historischen Bausubstanz, der einzigartigen Rheinlandschaft und seiner lebendigen Kulturgeschichte einen inspirierenden Rahmen für Lichtkunstprojekte. Die Stadt lädt dazu ein, Spuren des Mittelalters neu zu entdecken, Perspektiven zu verändern und in einen lebendigen Dialog zwischen Geschichte, Gegenwart und künstlerischer Interpretation zu treten.
Liebfrauenkirche
Die Liebfrauenkirche ist wie die Martinskirche Stiftskirche und Pfarrkirche. Mit dem Bau der heutigen Liebfrauenkirche wurde 1308 begonnen. Der Hochchor mit Goldaltar, Chorgestühl und Lettner war bereits vor der Mitte des 14. Jahrhunderts soweit fertig gestellt, dass er von den Stiftsherren für Gottesdienste und Stundengebete genutzt werden konnte. Der Weiterbau am Langhaus, dem 72m hohen Turm und dem großen Dach zog sich noch bis zum Ende des Jahrhunderts hin. Prunkstück ist der Goldaltar. Er ist einer der ältesten hochgotischen Schreinaltäre in Deutschland. Von der reichen mittelalterlichen Ausmalung sind noch 25 Wandbilder erhalten. Neben dem Hochaltar besitzt sie noch sechs Flügelaltäre, Steinreliefs, Holzplastiken. Einzigartig erhalten ist der gotische Lettner mit Chorgestühl. Die Barockorgel mit 56 Registern lädt zu regelmäßigen Orgelkonzerten ein und im Turm hängen fünf alte Glocken, wobei die jüngsten Glocken schon 600 Jahre alt sind und die älteste Glocke 1258 gegossen wurde. Von weitem schon beeindruckt der massige Körper und der rötliche Anstrich der Liebfrauenkirche. Die Liebfrauenkirche gilt wegen ihrer Architektur und ihrer Ausstattung als eine der bedeutendsten hochgotischen Kirchen im Rheinland.
Im gleichen Jahr wurde auch das Liebfrauenstift gegründet. Im ehemaligen Kreuzgang ist jetzt ein Vikariegarten mit Rasen und Rosen. Als die Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal zum Weltkulturerbe erklärt wurde, war die Liebfrauenkirche ein würdiger Platz, um die Urkunde der UNESCO in Empfang zu nehmen.
Klostergarten am ehemaligen Minoritenkloster
Eine Oase der Ruhe mitten in der Stadt: Der von Mauern umschlossene Klostergarten liegt reizvoll innerhalb des ehemaligen Minoritenklosters und nur wenige Schritte von der mittelalterlichen Stadtmauer Oberwesels entfernt. Das Minoritenkloster selbst wurde im 13. Jahrhundert gegründet und war über viele Jahrhunderte ein bedeutendes geistiges Zentrum der Stadt. Die Minoriten, ein Zweig des Franziskanerordens, prägten mit ihrem Wirken die religiöse und soziale Geschichte Oberwesels nachhaltig. Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörte ein verheerender Brand die Kirche und das Klostergebäude. Zurückgeblieben ist die heutige Ruine des Klosters. Hier ein Einblick.
Der Garten ist in zwei Bereiche gegliedert. Der vordere Teil beeindruckt durch die imposante Ruine der gotischen Klosterkirche, die inmitten eines parkähnlich angelegten Areals liegt. In den 1980er-Jahren wurde dieser Teil als Arboretum mit seltenen und teils exotischen Gehölzen gestaltet. Moderne Großplastiken setzen darin spannende Kontrapunkte zur historischen Kulisse und schaffen so ein vielschichtiges Zusammenspiel von Natur, Kunst und Architektur.
Der hintere Bereich, direkt an das heutige Wohnhaus angrenzend, wurde vor einigen Jahren als Dachgarten auf einer Tiefgarage neugestaltet. Mit seinem klaren Grundriss und der Bepflanzung aus Rosen, Lavendel, Stauden und Blütensträuchern nimmt er die Gestaltungselemente traditioneller Klostergärten auf.
Der Klostergarten ist ein Ort der Stille und Kontemplation. Er vermittelt ein Gefühl für die spirituelle Kraft, die das Leben der Minoriten einst prägte. Gleichzeitig schafft er eine grüne Verbindung zwischen Geschichte, Natur und innerer Einkehr.
Stadtmauer am Michelfeld und Stadtmauergarten
Die Stadtmauer von Oberwesel mit ihren 16 Wehrtürmen ist die am besten erhaltene mittelalterliche Befestigungsanlage am Mittelrhein. Besonders die bergseitige Stadtmauer auf dem sogenannten Michelfeld hatte strategisch große Bedeutung, da Oberwesel nur von der Landseite aus angreifbar war. Aus diesem Grund wurde dieser Mauerabschnitt mehrfach erhöht und verstärkt. Lange Zeit war die bergseitige Mauer jedoch weniger bekannt als die Mauer an der Rheinfront und galt als Geheimtipp für Kenner.
Dies änderte sich durch das Engagement des „Bauvereins Historische Stadt Oberwesel e.V.“, der die westliche Stadtmauer schrittweise sanierte. Einen besonderen Akzent erhielt dieser Abschnitt durch die Anlage des Stadtmauergartens: Vor der historischen Mauer entstand ein öffentlich zugänglicher Garten mit Blütengehölzen, Stauden, Rosen und ein Heilkräutergarten, der an mittelalterliche Klostergärten erinnert. Die Anlage ist barrierefrei gestaltet, zahlreiche Bänke laden zum Verweilen ein. Die begehbare Treppenanlage ermöglicht einen unmittelbaren Zugang zur Mauer.
Der Stadtmauergarten vereint die einstige Wehrhaftigkeit der mittelalterlichen Befestigung mit der stillen, heilsamen Kraft der Natur. Er öffnet einen Raum der Ruhe und Begegnung, der Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Die historische Mauer wird hier nicht nur als Denkmal, sondern als lebendiger Teil der Stadtlandschaft erfahrbar.
Kirche St. Martin
Um 1350 begann man mit dem Neubau der heutigen Martinskirche. Für ihre Architektur war die Liebfrauenkirche das Vorbild. Bei gleicher Grundkonzeption wurde der Turm der Martinskirche jedoch ganz anders gestaltet. Da die Kirche hoch über der Stadt an einer für die Verteidigung wichtigen Stelle lag, baute man den Turm zu einem Wehrturm aus. Er ist das überzeugendste Beispiel sakraler Wehrarchitektur der Gotik im Rheinland. Erst um 1500 war das nördliche Seitenschiff fertig. Das südliche konnte aus finanziellen Gründen nie gebaut werden. In der Martinskirche verdienen die Wandbilder aus dem 16. Jahrhundert und eine hochgotische Madonna aus der Mitte des 15. Jahrhunderts besondere Beachtung. Im Chorgewölbe ist nach den Restaurierungsarbeiten von 1962 bis 1968 wieder die gotische Ausmalung aus der Erbauungszeit zu sehen. Die Ausstattung der Martinskirche ist wohl einfacher als die der Liebfrauenkirche, aber doch imposant. Auch hier sind alte Fresken an den Pfeilern, Altarbilder und Plastiken vorhanden. Sehr interessant ist noch das gotische Sakramentshaus. Ein alter Friedhof umgibt die Kirche, durch das Martinstor kann man ihn begehen. Eine alte Familiengruft wurde zu einer Fatimakapelle umgebaut.
